Kaum ein Begriff taucht auf Verpackungen im Elektromarkt so oft auf wie Matter. Das Versprechen dahinter klingt gut: Ein Gerät kaufen, es mit jedem System nutzen, das man gerade hat. Vier Jahre nach dem Start lohnt sich der nüchterne Blick darauf, was davon eingelöst ist.
Was Matter überhaupt ist
Matter ist eine gemeinsame Sprache für Smart-Home-Geräte. Entwickelt wird sie von der Connectivity Standards Alliance, einem Zusammenschluss, in dem Apple, Google, Amazon, Samsung und mehrere hundert weitere Firmen sitzen.
Vor Matter sprach jeder Hersteller sein eigenes Protokoll. Eine Lampe von Anbieter A ließ sich nicht ohne Weiteres mit einer Zentrale von Anbieter B steuern, es brauchte Brücken, Konten und Cloud-Dienste dazwischen. Matter legt fest, wie eine Lampe, ein Rollladen oder ein Thermostat sich zu erkennen geben und welche Befehle sie verstehen. Wer die Sprache spricht, versteht sich, unabhängig vom Logo auf dem Karton.
Zwei Punkte sind dabei wichtig. Matter läuft lokal im eigenen Netz, eine Internetverbindung braucht es für die Steuerung nicht. Und die Kommunikation ist verschlüsselt und geräteweise abgesichert.
Matter ist kein Funkstandard
Das ist der am häufigsten missverstandene Punkt. Matter beschreibt die Sprache, nicht den Übertragungsweg. Gesprochen wird sie über drei Wege:
- WLAN für Geräte mit genug Strom, etwa Steckdosen, Kameras oder größere Geräte.
- Thread für alles, was klein ist oder von einer Batterie lebt, also Sensoren, Türkontakte, Heizkörperthermostate.
- Ethernet für fest verkabelte Geräte.
Bluetooth spielt nur bei der Ersteinrichtung eine Rolle. Danach übernimmt einer der drei Wege.
Thread kurz erklärt
Thread ist ein Funknetz, das sich selbst organisiert. Jedes dauerhaft mit Strom versorgte Gerät leitet Nachrichten für andere weiter, wodurch ein Netz entsteht, das mit jedem Gerät zuverlässiger wird. Vom Prinzip her ähnelt das Zigbee, mit dem Unterschied, dass Thread direkt mit IP-Adressen arbeitet.
Damit dieses Netz Anschluss ans Heimnetz bekommt, braucht es mindestens einen Border Router. Diese Rolle übernehmen viele Geräte nebenbei, etwa ein Apple TV, ein HomePod, ein Google Nest Hub, ein Echo der neueren Generationen oder ein Home Assistant Connect ZBT.
Praktisch heißt das: Wer ein Gerät mit Thread kauft, braucht im Haus einen solchen Vermittler. Viele Haushalte haben ihn ohnehin, ohne es zu wissen.
Der eigentliche Trick: Multi-Admin
Die vielleicht nützlichste Eigenschaft von Matter ist, dass ein Gerät in mehreren Systemen gleichzeitig hängen kann. Die Lampe im Wohnzimmer lässt sich zur selben Zeit über Apple Home, über Home Assistant und über die App von Google steuern, ohne dass eine Seite die andere ausschließt.
Für Haushalte, in denen ein Teil auf iPhones und der andere auf Android unterwegs ist, löst das ein Problem, das vorher nur mit Zusatzsoftware zu lösen war.
Altgeräte über Brücken einbinden
Wer schon ein Zigbee-System betreibt, muss nichts wegwerfen. Viele Zentralen melden sich als sogenannte Bridge im Matter-Netz an und reichen ihre angeschlossenen Geräte weiter. Die Philips Hue Bridge macht das ebenso wie SmartThings oder Home Assistant selbst.
Das Ergebnis: Zwanzig Zigbee-Lampen erscheinen in einem fremden System als ganz normale Matter-Geräte, obwohl sie kein Wort Matter sprechen.
Was 2025 und 2026 dazugekommen ist
Der Standard entwickelt sich in halbjährlichen Schritten weiter. Zwei davon haben spürbar etwas verändert.
Matter 1.5, November 2025
Diese Fassung war die bislang größte Erweiterung.
- Kameras. Endlich. Live-Bild und Ton laufen über WebRTC, samt Gegensprechen, Schwenken und Neigen, Bewegungserkennung und Privatzonen. Gedacht ist das für Türklingeln, Innen- und Außenkameras und Babyfone.
- Verschlüsse. Rollläden, Vorhänge, Markisen, Tore und Garagentüren laufen jetzt unter einem gemeinsamen Konzept. Endlich meldet ein Garagentor verlässlich, ob es offen oder zu ist.
- Bodensensoren und Bewässerung. Feuchtigkeitswerte aus dem Beet lassen sich mit Ventilen koppeln, sodass nur gegossen wird, wenn es nötig ist.
- Energie. Geräte können Tarif- und Prognosedaten verarbeiten und daraus echte Kosten oder den CO2-Anteil ableiten.
Matter 1.6, Juni 2026
Der jüngste Schritt zielt weniger auf neue Gerätearten als auf die Punkte, an denen es im Alltag hakte.
- Einrichtung per NFC. Der gesamte Anmeldevorgang läuft über NFC. Eine Lampe lässt sich damit einrichten, bevor sie in die Fassung gedreht wird, ein Unterputzschalter, bevor die Sicherung wieder drin ist.
- Joint Fabric. Mehrere Steuerzentralen können ein gemeinsames Matter-Netz zusammen verwalten, statt jede ihre eigene Sicht darauf zu haben. Interessant wird das für Mehrfamilienhäuser und professionell betreute Anlagen.
- Vorschläge für Thermostate. Andere Geräte schicken dem Thermostat künftig Empfehlungen statt Befehle. Das Thermostat wägt sie gegen die Einstellungen des Nutzers ab und begründet, wenn es einen Vorschlag ablehnt. Wer Sparsamkeit priorisiert hat, wird nicht mehr von einer fremden Automatisierung überstimmt.
- Kleinigkeiten mit Wirkung. Geräte können ihre Grenzen mitteilen, Sicherheitssensoren führen eine Ereignishistorie, und Rauch- und CO-Melder melden, wenn sie von der Halterung abgenommen wurden.
Zeitgleich hat die Allianz eine neue Fassung ihres Sicherheitsstandards für Produkte veröffentlicht, die unabhängig von Matter greift.
Wo es 2026 noch hakt
Ehrlicherweise gehört das dazu, sonst ist der Artikel Werbung.
Zertifiziert heißt nicht überall gleich nutzbar. Matter garantiert, dass ein Gerät mit verschiedenen Systemen spricht. Es garantiert nicht, dass jede Plattform jede Funktion anzeigt. Ein Gerät kann in einem System vollständig auftauchen und in einem anderen nur mit den Grundfunktionen.
Herstellerfunktionen bleiben draußen. Spezialitäten wie besondere Lichtszenen, Kalibrierläufe oder Firmware-Updates laufen weiterhin über die App des Herstellers. Wer die Feinheiten will, kommt um die zweite App selten herum.
Von der Spezifikation bis ins Produkt dauert es. Die Kamera-Unterstützung steht seit November 2025 auf dem Papier. Bis sie flächendeckend in Geräten und vor allem in den Apps der großen Anbieter ankommt, vergehen Monate bis Jahre. Das gilt für jede Neuerung.
Die Einrichtung ist gelegentlich zäh. Der QR-Code wird nicht erkannt, das Gerät hängt schon in einem anderen System, der Border Router ist überlastet. Genau hier setzt die NFC-Einrichtung aus 1.6 an, was aber wieder neue Hardware voraussetzt.
Zigbee ist noch lange nicht abgelöst. Der Gerätebestand bei Zigbee ist riesig und oft günstiger. Wer heute zwanzig Fensterkontakte braucht, findet dort mehr Auswahl zum kleineren Preis.
Worauf man beim Kauf achten sollte
Ein paar praktische Hinweise für 2026:
- Auf der Verpackung steht neben dem Matter-Logo meist auch der Übertragungsweg. Matter over Thread braucht einen Border Router im Haus, Matter over WiFi nicht.
- Batteriebetriebene Geräte sollten Thread nutzen. Über WLAN sind Laufzeiten von Monaten unrealistisch.
- Ein Blick in die Bewertungen lohnt sich mehr als das Logo. Ob ein Gerät in Home Assistant oder Apple Home vollständig auftaucht, steht selten auf der Packung.
- Wer bereits ein funktionierendes Zigbee-System hat, muss nichts umstellen. Eine Bridge bringt den Bestand ins Matter-Netz, wenn er dort gebraucht wird.
Fazit
Matter hat das große Versprechen von 2022 nicht vollständig eingelöst, ist aber deutlich weiter, als die Skepsis der ersten Jahre erwarten ließ. Der Kern funktioniert: Lampen, Steckdosen, Sensoren und Thermostate lassen sich systemübergreifend nutzen, lokal und ohne Konto beim Hersteller.
Mit 1.5 und 1.6 sind die letzten großen Lücken angegangen worden, allen voran die Kameras und die zähe Einrichtung. Was jetzt zählt, ist die Umsetzung in echten Produkten, und die kommt langsamer, als es die Ankündigungen vermuten lassen.
Für den Kauf heißt das: Ein Matter-Logo ist ein gutes Zeichen und keine Garantie. Wer ohnehin neu einsteigt, macht damit wenig falsch. Wer ein laufendes System hat, hat keinen Grund zur Eile.
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