Eine Kamera ohne Cloud ist etwas anderes als eine Kamera ohne Abo. Und beides ist noch nicht dasselbe wie eine Kamera, die sich in Home Assistant einbinden lässt. Entscheidend sind zwei Buchstabenkürzel auf dem Datenblatt, und die stehen selten auf der Vorderseite der Verpackung.
Worauf es ankommt: RTSP und ONVIF
RTSP ist das Protokoll, über das die Kamera ihr Videobild als offenen Datenstrom im Netz bereitstellt. Ohne RTSP kommt Home Assistant an das Bild nicht heran, egal wie lokal die Kamera sonst arbeitet.
ONVIF ist der Standard für alles daneben. Schwenken, Zoomen, Bewegungsmeldungen abholen. Frigate und Home Assistant sprechen es, und es erspart herstellerspezifische Bastelei.
Beides zusammen macht eine Kamera zu einem Gerät, das man besitzt. Fehlt eines davon, bleibt man an der App des Herstellers hängen, auch wenn die Aufnahmen auf einer Speicherkarte im Gerät liegen.
Warum PoE die bessere Wahl ist
Power over Ethernet bringt Strom und Netzwerk über ein einziges Kabel. Für eine Kamera, die dauerhaft einen Videostrom liefern soll, ist das die richtige Grundlage.
WLAN-Kameras funktionieren auch, belasten aber das Funknetz erheblich. Vier Kameras mit 4K-Streams bringen ein normales Heimnetz an seine Grenzen, und jeder Aussetzer bedeutet eine Lücke in der Aufzeichnung.
Ein PoE-Switch mit acht Anschlüssen kostet wenig und erspart jedes Steckernetzteil an der Hauswand.
Die Kameras
Reolink RLC-810A: die Standardempfehlung
Die Reolink RLC-810A ist in der Home-Assistant-Szene die Kamera, die am häufigsten empfohlen wird. 8 Megapixel über PoE, RTSP ab Werk, Personen- und Fahrzeugerkennung an Bord, IP67 für draußen. Der Preis liegt bei rund 80 Euro.
Reolink hat sich bei den kabelgebundenen Modellen offen gehalten. Es gibt eine Weboberfläche direkt auf der Kamera, Aufnahmen laufen auf eine microSD-Karte, einen Rekorder oder ein NAS. Ein Konto beim Hersteller braucht man dafür nicht.
Reolink RLC-823A: wenn der Ausschnitt passen muss
Die RLC-823A hat ein Varifokalobjektiv mit 2,8 bis 12 Millimetern. Der Bildausschnitt lässt sich also anpassen, ohne die Kamera zu tauschen.
Das klingt nach einer Kleinigkeit und ist im Alltag der Unterschied zwischen einer brauchbaren und einer nutzlosen Installation. Wer eine Einfahrt über 15 Meter überwachen will, braucht einen anderen Bildwinkel als jemand, der eine Haustür im Blick behalten möchte.
Annke: die Sparvariante
Eine Annke 5MP PoE liegt bei etwa 64 Euro und bringt ONVIF, RTSP, Infrarot bis rund 30 Meter und einen Kartenschacht mit.
Annke richtet sich an Leute, die ohnehin einen Rekorder oder ein NAS betreiben. Die Hardware ist solide, die eigene App eher zweckmäßig. Für einen Aufbau mit Frigate spielt das keine Rolle, weil die App dann ohnehin ungenutzt bleibt.
TP-Link Tapo: günstig, mit einer Bedingung
Die Tapo-Kameras sind die günstigsten in dieser Runde und bieten RTSP. Der Zugang läuft allerdings über ein Kamerakonto, das man erst in der Tapo-App anlegen muss.
Das bedeutet eine Einrichtung über die Hersteller-App und ein TP-Link-Konto. Danach läuft der Stream lokal. Wer nur ein oder zwei Kameras braucht und auf den Preis schaut, fährt damit gut.
eufy: lokal gespeichert, aber geschlossen
eufy wirbt mit lokaler Speicherung auf der HomeBase, und das stimmt auch. Der Haken liegt woanders. Die meisten Modelle geben keinen offenen RTSP-Strom heraus, die Bilder bleiben in der eufy-App.
Dazu kommt die Vorgeschichte. 2023 musste das Unternehmen einräumen, dass Aufnahmen trotz Werbung mit lokaler Speicherung in der Cloud landeten. Wer heute mit Datenschutz wirbt, wird daran gemessen.
Für Home Assistant ist eufy deshalb die schlechtere Wahl, auch wenn die Hardware gut ist.
Der Akku-Fallstrick
Hier tappen viele hinein. Akkubetriebene Kameras liefern keinen dauerhaften RTSP-Strom, und zwar aus einem einleuchtenden Grund. Ein permanenter Stream würde den Akku in Tagen leeren.
Bei Reolink führt der Weg deshalb über den Home Hub oder einen Rekorder. Diese Geräte wecken die Kamera über ein eigenes Protokoll und halten die Aufnahmen vor. In Home Assistant ist die Kamera dann verfügbar, ohne dass der Akku leidet.
Eine Regel für den Alltag: Eine Akkukamera gehört nicht als Dauerbild aufs Dashboard. Jeder geöffnete Livestream kostet Laufzeit.
Frigate: was sich 2026 geändert hat
Frigate ist die Software, die aus mehreren Kameras eine Anlage macht. Sie nimmt auf, erkennt Personen, Fahrzeuge und Tiere und meldet das an Home Assistant. Alles davon läuft auf der eigenen Hardware.
Wer dazu ältere Anleitungen liest, stößt überall auf den Google Coral als Rechenbeschleuniger. Diese Empfehlung ist überholt.
Frigate rät inzwischen selbst davon ab, für neue Aufbauten einen Coral zu kaufen. Der Grund ist die Softwareseite. Der Gasket-Treiber, den die Steckkarten brauchen, baut ab Linux-Kernel 6.4 nicht mehr, und die Laufzeitumgebung für den USB-Stick wurde seit Jahren nicht mehr gepflegt.
Für einen neuen Aufbau gilt heute:
- Zuerst die vorhandene Intel-Grafikeinheit nutzen. Über OpenVINO läuft die Erkennung auf jedem halbwegs aktuellen NUC oder Mini-PC, ohne dass zusätzliche Hardware nötig wird.
- Reicht das nicht, kommt ein Hailo-8L dazu. Die Karte liegt bei rund 70 Dollar und schafft mehr Kameras.
- Für große Anlagen ein Hailo-8 im M.2-Format. Etwa 200 Dollar, gedacht für viele Streams gleichzeitig.
Wer noch einen Coral im Schrank hat, kann ihn weiter verwenden. Frigate unterstützt seit Version 0.14 mehrere Erkenner nebeneinander.
Der Aufbau in der Praxis
Die Kette ist überschaubar. Die Kamera liefert ihren RTSP-Strom, Frigate nimmt ihn entgegen, erkennt darin Objekte und schneidet Ereignisse mit. Home Assistant bekommt daraus Sensoren, Bilder und Benachrichtigungen.
Ein Schritt lohnt sich zusätzlich. Die Kameras gehören in ein eigenes Netzsegment ohne Zugang zum Internet. Dann kann keine Firmware nach Hause telefonieren, auch wenn sie es wollte.
Als Speicher taugt eine Festplatte für Dauerbetrieb. Normale Platten sind für 24 Stunden Schreiblast an sieben Tagen nicht gebaut, und eine SSD verschleißt dabei schneller, als man denkt.
Ein Wort zu Hikvision und Dahua
Technisch gehören beide zu den besten in diesem Feld. ONVIF, RTSP und Bildqualität stimmen, und in Fachforen tauchen sie ständig auf.
Gleichzeitig stehen beide Hersteller seit Jahren in der politischen Diskussion, in mehreren Ländern gibt es Beschaffungsverbote für Behörden. Dazu kommen wiederkehrende Debatten über Sicherheitslücken.
In einem abgeschotteten Netzsegment ohne Internetzugang ist das Risiko beherrschbar. Ob man diese Geräte an der eigenen Hauswand haben will, muss jeder selbst entscheiden.
Was rechtlich gilt
Der eigene Grund darf gefilmt werden. Sobald eine Kamera Nachbargrundstücke, den Gehweg oder die Straße erfasst, wird es heikel, und daran ändert auch eine lokale Speicherung nichts.
Praktisch heißt das: Bildausschnitt so wählen, dass fremdes Gelände draußen bleibt. Die meisten Kameras bieten dafür Privatzonen, die Bereiche im Bild dauerhaft schwärzen. Bei Mehrfamilienhäusern kommen Treppenhaus und Hof als eigenes Thema dazu.
Ein Varifokalobjektiv hilft auch hier, weil sich der Ausschnitt eng ziehen lässt, statt die halbe Straße mitzunehmen.
Meine Empfehlung
Für den Einstieg: Zwei Reolink RLC-810A an einem PoE-Switch, Frigate auf einem Mini-PC mit Intel-Grafik. Das läuft ohne Zusatzhardware und ohne Cloud.
Wenn der Ausschnitt schwierig ist: RLC-823A wegen des einstellbaren Objektivs. Der Aufpreis ist die beste Investition in diesem Aufbau.
Wenn es billig sein muss: Annke PoE. Gleiche Grundlagen, weniger Komfort in der App, die man nicht braucht.
Wenn kein Kabel möglich ist: Reolink mit Akku plus Home Hub. Das ist der Kompromiss, mit dem man leben kann, wenn keine Leitung an die Stelle kommt.
Fazit
Eine Überwachung ohne Cloud kostet einmalig mehr und danach nichts. Wer die Rechnung über fünf Jahre aufmacht, liegt damit unter jedem Abomodell, und die Aufnahmen bleiben im Haus.
Die entscheidende Prüfung vor dem Kauf ist eine einzige Frage. Liefert die Kamera einen offenen RTSP-Strom? Steht die Antwort nicht im Datenblatt, ist sie meistens nein.
Die genannten Preise sind der Stand von September 2026 und schwanken bei Kameras erfahrungsgemäß stark.
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